Gent will ein spezialisierter Hafen bleiben

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Im Dezember 2017 haben Port of Ghent und Seeland Seaports ihren Zusammenschluss bekannt gegeben. In einem Gespräch mit der »Binnenschifffahrt« erläutert Daan Schalck, CEO Port of Ghent und Co-CEO des neuen Unternehmens namens North Sea Port, die Hintergründe und gibt einen Ausblick auf die Zukunft

Der Zusammenschluss stellt den Hafen Gent vor einer große Herausforderung, denn technisch sei man eine Tochter der europäischen Holding, aber kein selbständiges Unternehmen mehr, sagt Schalck. Das Ziel von North Sea Port mit den niederländischen Häfen Vlissingen, Borssele und Terneuzen sowie mit dem Hafen Gent in Belgien ist es, ein neuer Akteur unter den zehn größten europäischen Häfen zu werden.

»Wir wollen rund 65Mio.t seewärtige Fracht umschlagen und etwa 53Mio.t Güter, die auf Binnenschiffen transportiert werden«, erwartet Schalck künftig. Ziel sei es, »ein Top-Akteur in der Region zu werden.« In Bezug auf Wertschöpfung und Arbeitsplätze soll North Sea Ports dem Manager zufolge der drittgrößte Hafen Europas nach Rotterdam und Antwerpen werden.

Größere Häfen als Partner

Der Hafen Gent für sich genommen, verfolgt das Ziel, ein spezialisierter Hafen zu bleiben. Aus diesem Grund sehen sich die Belgier auch nicht als Wettbewerber von Rotterdam und Antwerpen an. Nur 8% der Umschlagmenge Gents würde überhaupt nur mit den beiden größeren Häfen konkurrieren, so Schalck.

Der Schwerpunkt liegt vielmehr auf einigen zusätzlichen Diensten, einschließlich Containerdiensten, da in den Hafengebieten von Rotterdam und Antwerpen diesbezüglich nicht ausreichend Platz vorhanden sei. »Insgesamt stehen neuen Unternehmen bei uns rund 1.000ha an Flächen zur Verfügung«, sagt Schalck. Einigen Firmen könnten auch Kapazitäten mit einem direkten Zugang zum Kai angeboten werden. Jedoch könne man den Unternehmen, die Wertschöpfung erzielen wollen, nicht nur Grundstücke anbieten, sondern man versucht auch Zug- und Binnenschiffsverbindungen zu den großen Containerterminals in Rotterdam und Antwerpen herzustellen. Dadurch Derließen sich Staus in den Ballungsräumen der beiden Hafenstädte vermeiden, begründet Gents Hafenchef. Auch deshalb sieht er North Sea Port eher als Ergänzung zu Rotterdam und Antwerpen bzw.als Partner und nicht als Konkurrent wie beispielsweise Dünkirchen.

»Wenn eine Binnenschiffsverbindung gestartet wird, unterstützen wir zum Einstieg die Aktivitäten auch finanziell, gemeinsam mit den entsprechenden Häfen, gibt Schalck ein Beispiel. Denn es sei zu Beginn teilweise schwierig, Volumen zu erzielen. Aus diesem Grund wurde ein Fonds mit Rotterdam und Antwerpen ins Leben gerufen, um diese Art von Verbindungen zu entwickeln. Ein anderes Beispiel für die Zusammenarbeit seien Pipelines für die Öl- und Gasindustrie. »Wir haben unsere eigenen Aktivitäten in Gent, aber die sind mehr auf die Industrie fokussiert«, bekräftigt der Hafenmanager.

Durch Zusammenschluss zu North Sea Port hoff er auf bessere Möglichkeiten, um zusätzliche Volumina durch die Kombination von Ladung für die bestehenden Kunden zu erzielen – nicht auf nur seeseitig, sondern speziell auch bei Eisenbahn- und Binnenschifftransporten. Beispielsweise sieht Schalck gute Aussichten für Autos in Gent und Vlissingen sowie eine gute Kombination bei den Shortseaverkehren in Richtung Großbritannien.

Starkes Jahr für Gent

Nach Aussage Schalcks hat der Hafen Gent im Jahr 2017 erneut ein gutes Ergebnis erzielt. Die Anzahl umgeschlagener Güter hätte sich nochmals erhöht, sie lag am Jahresende zwischen 32 und 32,5Mio.t (die genaue Menge stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest). Das entspricht etwa einem Wachstum von 12% im Vergleich zum Vorjahr, als 29,1Mio.t umgeschlagen worden waren.

Schalck führt die Entwicklung auf die gute Situation der nahegelegenen Industriebetriebe zurück. Stahl-Giganten wie ArcelorMittal, Betreiber eigener Hafenanlagen im unweit von Gent gelegenen Zelzate, und andere Großfirmen, die sich auf die Produktion von Bioprodukten konzentrieren, haben sich entweder direkt im Hafen niedergelassen oder nicht weit davon entfernt. Schalck verweist in diesem Zusammenhang auch auf Rekordzahlen der Automobil- und Nutzfahrzeugindustrie. Ein weiterer Faktor für das positive Resultat sieht der Hafenchef in den besseren Ergebnissen der Investoren im Kluizendok, das 2010 eröffnet worden ist.

Wegen der starken Fokussierung Gents auf die Industrie bleiben große Mengen der Güter im Hafen. »Rund 60% der Güter werden entweder direkt im Hafen weiterverarbeitet, oder in der näheren Umgebung«, erläutert Schlack. Dies seien hauptsächlich Eisenerz, Kohle, Holzpellets für die Erzeugung von Elektrizität, Güter, die für die Produktion von Autos benötigt werden, ebenso wie Rohmaterialien und Biokraftstoffe. Die übrigen 40% werden nach Deutschland und in andere europäische Länder exportiert. Hierzu zählen flüssige Stoffe und RoRo-Materialien. Rund 55% der Güter werden per Binnenschiff, 12% per Bahn und 33% mit Lkw befördert.

Neue Schleuse in Terneuzen

Eine der größten Herausforderung für den im Inland gelegenen Hafen Gent aber auch für Terneuzen ist die Schaffung einer besseren seewärtigen Erreichbarkeit. Deshalb haben die niederländische und flämische Regierung vereinbart, eine neue, größere Schleuse in Terneuzen zu bauen. Schalck geht davon aus, dass sie im Jahr 2022 betriebsbereit sein wird. Dann sollen auch Schiffe der Post-Panamax-Klasse einen Zugang zu den Häfen haben, allerdings nicht mit ihrem maximalen Tiefgang. Aktuell können Schiffe mit einem Tiefgang von bis zu 12,50m nach Gent gelangen.

Um den größeren Schiffen den Zugang zu ermöglichen, müssen noch ein paar Arbeiten am Gent-Kanal durchgeführt werden. Es gelte unter anderem Begegnungsboxen zu schaffen bzw. zu verbreitern. Das Profil des künstlichen Wasserweges müsse ein wenig verändert werden. »Jetzt erinnert es an eine Art V-Profil, nach den Arbeiten soll es mehr einem U-Profil gleichkommen«, so Schalck.

In Vlissingen können bereits heute schon Schiffe mit einem Tiefgang von 17m festmachen. Das bedeutet also auch, dass North Sea Port nahezu vollbeladene Bulker der Capesize-Klasse abfertigen kann. »Für Gent war dies auch ein Grund für den Zusammenschluss der vier Häfen«, erläutert Schalck.

Heute ist es bereits möglich, bis zu 14,50m tiefgehende Frachter in der Nähe von Terneuzen zu leichtern. Am Rande des Scheldefahrwassers gibt es dafür eine Stelle, die als »Put von Terneuzen« bezeichnet wird. Hier gehen die Bulker vor Anker und werden mit Schwimmkranen so weit entladen, dass sie nur noch einen Tiefgang von 12,50m haben, um nach Gent gelangen zu können. Die auf diese Weise gelöschte Fracht wird dann mit Schubleichtern in den belgischen Hafen gebracht.

Der Hafen selbst muss laut Schalck für die größeren Schiffe indes nicht vertieft werden, denn Kluizendok und Rodenhuizendok, die beiden neuesten Hafenbecken, sind bereits für Tiefgänge von 16 bis 18m ausgelegt. Die südlichen, stadtnahe gelegenen Hafenteile sind für Kurzstreckenseeschiffe vorgesehen oder andere Einheiten, die keine tiefen Liegeplätze benötigen. Für einen im Inland gelegenen Hafen wie Gent sind die Erweiterungsmöglichkeiten naturgemäß begrenzt. Dies sei ein weiterer Grund für die Zusammenlegung der Standorte, sagt Schalck. Erweiterungen würden eher auf der niederländischen Seite erfolgen, etwa in Vlissingen oder Terneuzen.«

Kanal Seine-Nord Europe

Ein sehr bedeutendes Projekt für Gent ist dem Hafenchef zufolge der sogenannte Kanal Seine-Nord Europe. Schalck hofft, dass diese rund 106km lange Wasserstraße im Norden Frankreichs, mit finanzieller Unterstützung Europas, schnell realisiert werden wird. Durch den Kanal würde der Hafen Gent seine Position in Nordfrankreich deutlich stärken. Der Hafenchef spricht von einer Vergrößerung um das Sechs- bis Siebenfache. Auch wenn es sich um ein französisches Projekt handele, würde es Nord Sea Port sehr zu Gute kommen, sagt Schalck. Nach seiner Aussage ist die Entscheidung für das Projekt bereits erfolgt, allerdings gebe es noch Probleme mit der Finanzierung.

Ungeachtet dessen rechnet er damit, dass der Kanal im Jahr 2025 in Betrieb gehen kann.

Thomas Wägener

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