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Die Werft Hermann Barthel verzichtet im 220. Jahr ihres Bestehens auf eine große Feier. Das liegt in der Natur der Eigner. Der Schiffbaubetrieb in Derben hat zwar gut zu tun, aber auch er kämpft mit Widrigkeiten wie dem häufigen Niedrigwasser der Elbe

Das neue Baggerschiff für das WSA Dresden war bereits im August vorigen Jahres getauft worden. Doch erst im Januar dieses Jahres konnte es seine Reise nach Dresden antreten. Obwohl es flachgehend gebaut ist, ließen die Wasserstände der Elbe oberhalb Magdeburgs die Überführung nach Wittenberg über Monate nicht zu – schuld war das Niedrigwassers der Elbe. In diesem Sommer scheint sich das alles zu wiederholen – damit hat auch die traditionsreiche Schiffswerft Hermann Barthel in Derben zu kämpfen.

So ist auch die Fähre zwischen Ferch­land und Grieben betroffen und findet sich im Werfthafen bei Barthel wieder: »Wegen des Niedrigwassers wurde der Fährverkehr eingestellt«, berichtet Corinna Barthel. Das hat auch Folgen für den Schiffbaubetrieb: »Einige unserer Mitarbeiter von der anderen Elbseite müssen nun große Umwege fahren.«

Trotz den Widrigkeiten haben Werftchef Hermann Barthel und sein Team gut zu tun. Da ist ein neues Schubschiff für das WSA Verden/Aller, an dem derzeit gearbeitet wird. Der Schiffskörper ist weitgehend fertig. In beiden Schiffbauhallen werden an zwei Polizeibooten für die WSP Sachsen-Anhalt die Spantengerüste kieloben fertiggestellt, dann kommen die Außenhautplatten an die Reihe.

Auf der Helling liegen das fast fertige Arbeitsschiff mit Auf- und Abfahrrampe für mobile Arbeitsgeräte für das WSA Emden und daneben ein Polizeiboot für die WSP Berlin. In der Konstruktion befinde sich zudem ein Trainingsschiff für die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) und für einen Klappprahm für das WSA Meppen werde gerade die Zulage gebaut, berichtet Barthel. »Zulage« bedeutet, dass eine Stellage vorgefertigt wird, auf der die künftigen Schiffskörper kieloben in einer für Schweiß- und Brennarbeiten vorteilhaften Arbeitshöhe gefertigt werden können.

Das Arbeitsschiff »Bitter« des WSA Lauenburg hatte nach Modernisierungsmaßnahmen gerade die Werft auf der Elbe in Richtung Norden verlassen. Auf weitere Aufträge angesprochen, schmunzelt Hermann Barthel und sagt: »Ja, sicher haben wir was in petto, aber über ungelegte Eier spricht man nicht.«

Ein Jubiläum im Stillen …

… ist das 220. Jahr des Bestehens der heutigen Schiffswerft Barthel. Erste Aktivitäten an der Elbe gab es bereits 1753. Das Jahr 1799 gilt als Gründungsjahr der Lösche-Werft in Derben. Ausgangspunkt des Gründers war der Magdeburger Zollhafen. Dort soll es mehrere Werften gegeben haben, wie man bei Sigbert Zesewitz in »Schiffbau an der Elbe« nachlesen kann. Wer diesen kleinen Hafen kennt, kann sich vorstellen, dass es für Erweiterungen irgendwann keinen Platz mehr gab.

Hermann Barthel vermutet, dass sich aus diesem Grund sein Vorfahr hier am Derbener Berg neu angesiedelt hat. Der heutige Werfthafen befindet sich genau in der Einfahrt des ehemaligen Plauer-und-Ihle-Kanals, der ab 1743, wie auch der Finowkanal, im Auftrag Friedrichs II. gebaut worden war. Schiffbaumeister Friedrich Lösche soll damals bis zu 40 Mitarbeiter beschäftigt haben. Die Reste des Kanals werden heute noch durch die Freizeitboote genutzt.

Standfestigkeit als Erfolgsprinzip

Die Schiffswerft Lösche, damals geführt von Hermann Barthels Großvater, war 1974 durch einen Beschluss der DDR-Regierung, ebenso wie die Werft Bolle, gegen eine geringe Entschädigung verstaatlicht worden. Der enteignete Eigner »durfte« lediglich als Leiter der nun volkseigenen Schiffswerft bleiben.

Für die damalige Treuhand stand nach der Wiedervereinigung 1990 schnell fest, dass von den damaligen 17 Schiffswerften unter dem Dach des VEB Schiffsreparaturwerften Berlin nur die Standorte eine Überlebenschance bekommen sollten, die in den 1980er Jahren grundlegend modernisiert worden waren. Die beiden Derbener Werften Barthel und Bolle aber waren fast 20 Jahre lang auf Verschleiß betrieben worden.

Um nicht arbeitslos zu werden, kauften beide Familien ihre früheren Werften von der Treuhand auf eigene Kosten zurück. Barthel wie Bolle mussten danach mit einer Handvoll verbliebener Mitarbeiter neu anfangen. Diesen schwierigen Neuanfang der beiden Unternehmen hat die Zeitschrift Binnenschifffahrt seit 1992 intensiv verfolgt und immer wieder beschrieben.

Beide Werften gelten heute als Vorzeigeunternehmen beim Bau von Binnenschiffen. Hermann Barthel erfand die Arbeitsschiffe vom Typ »Spatz« und hat bis heute mehr als 100 Einheiten ausgeliefert. Nachbar Bolle kreierte die Aqua-Cabrios, die in Berlin und Prag beliebt sind. Heute beschäftigen die zwei Werften jeweils mehr als 30 Mitarbeiter und sind die wichtigsten Arbeitgeber in der Einheitsgemeinde Elbe-Parey, der sieben Dörfer mit rund 6.630 Einwohnern angehören.

Als Hermann Barthel in den 1990er Jahren mit der heutigen »kleinen« Schiffbauhalle seine erste wichtige Investition in Betrieb nahm, kommentierte er etwas lakonisch: »Ach, wissen Sie, während sich andere Leute Häuser auf den Kanarischen Inseln bauen, sichern wir hier die Existenz von unseren Mitarbeitern und uns selbst.« Ein Credo, dem der erfolgreiche wie gleichermaßen bodenständige Werfteigner bis heute treu geblieben ist. 220 Jahre Schiffbau sind eine stolze Bilanz. Das Jubiläum werde »nicht groß gefeiert«, sagt Barthel. »Aber vergessen wird es auch nicht.«


Christian Knoll

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