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Die Deutsche Binnenreederei (DBR) feierte im Oktober ihr 70-jähriges Bestehen – stilecht auf dem Berliner »Seminarschiff«, aus »Platzgründen« aber in geschlossener Gesellschaft

Mehr als 100 Gäste sollen sich um die Teilnahme an der Feierstunde bemüht haben. Für 60 soll nur Platz gewesen sein, streng nach Einladungsliste. Öffentlichkeit war nicht erwünscht. Dabei bot dieser Anlass doch einen guten Grund, an die durchaus erfolgreiche, aber auch sehr bewegte Geschichte der Reederei zu erinnern.

Am 1. Oktober 1949 und somit noch vor Gründnung der DDR wurden mit der Gründung der Deutschen Schiffahrts- und Umschlagsbetriebszentrale (DSU) in Berlin alle Binnenschifffahrtsaktivitäten in der sowjetischen Besatzungszone zu einem Volkseigenen Betrieb (VEB) gebündelt. Der frühere Hauptbuchhalter der DBR, Joachim Winde, verweist in seinem Werk »Die Dampfschifffahrt auf Havel und Spree« sogar auf Anfänge im Jahr 1948.

Die DSU hatte die Aufgabe, sämtliche Güter- und Personentransporte auf den Wasserstraßen der DDR durchzuführen, einschließlich des Umschlags und der Lagerung von Gütern. Die DSU sammelte anfangs eine bescheidene Flotte aus Schleppkähnen und Dampfschleppern. Sie hatte das alleinige Befrachtungsrecht für die Binnenschifffahrt. Damit waren die Privatschiffer nunmehr verpflichtet, Transportaufträge mit der DSU abzuschließen.

Zum Kriegsende 1945 hatte die russische Militäradminis­tration (SMAD) die in ihrer Besatzungszone verbliebenen deutschen Binnenschiffe zunächst beschlagnahmt. Einige gingen als Reparationsleistung an die damalige UdSSR. Der verbleibende Rest der Flotte wurde unter den Vorläufer-Reedereien der DBR aufgeteilt. Alle privaten Eigner wurden angewiesen, sich von der BSU befrachten zu lassen. Anfang Oktober wurde sämtliches Personal und die gesamte BSU-Flotte nach Berlin umgesiedelt. Darunter fielen Schifffahrts- und Umschlagbetriebe in Berlin, Magdeburg, Dresden, Stralsund und Schwerin.

Aus dem Flottenbestand und dem Personal, das die Reparationstransporte nach Kaliningrad auszuführen hatte, wurde die Sowjetische Oderaktiengesellschaft (SOAG) mit Standort in Fürstenberg/Oder (heute Eisenhüttenstadt) gegründet. Deren Schiffsbestand bildete 1952 nach Beendigung der Reparationsleistungen die Deutsche Oderschiffahrt (DOS) in Eisenhüttenstadt, die sich 1956 der DSU anschloss . Daraus ging am 1. Januar 1957 die DBR hervor.

Am 1. Mai 1953 wurde die »Deutsche Oderschiffahrt« (DOS) mit der DSU zusammengelegt und aus dieser der »VEB Deutsche Schiffahrts und Umschlagsbetriebe« (DSU) gebildet. Dabei wurden 665 Schiffseinheiten (Schiffe, Schlepper, Schleppkähne usw.) der DOS in die DSU überführt.

1957 wurde die DSU aufgelöst. Ihre Transportaufgaben gingen auf den VEB Deutsche Binnenreederei, abgekürzt DBR, später BR über. Die Betriebsanlagen wechselten in die Regie der verschiedenen regionalen »VEB Binnenhäfen«, die später Betriebe des »VE Kombinats Binnenschiffahrt und Wasserstraßen« wurden.

Die DBR wiederum gehörte verwaltungstechnisch einer Hauptverwaltung Schifffahrt an. Unter deren Leitung begann ein aufwändiges Flottenmodernisierungsprogramm, das mit dem Bau von Stoßbooten begann. Sie gelten als Vorboten der Schubschifffahrt und der Motorisierung von Schleppkähnen mit sogenannten Z-Antrieben, sozusagen der Schottel-Variante der DBR. Noch vor Gründung der DBR wurden auch die ersten vier neuen Motorgüterschiffe »Berlin«, »Genthin«, »Usedom« und »Rothensee« auf der Magdeburger Edgar-­André-Werft gebaut.

Die vormaligen DSU-Betriebe hatten ab 1949 in einem von der Bahn aufgegebenen Barackenlager mit der Berufsausbildung für Bootsleute und Schiffsführer begonnen, ehe 1956 der Bau einer neuen Schifferschule startete – auch sie wurde 1957 eingeweiht.

Ab 1960 ließ die DBR auf den Schiffswerften Boizenburg, Roßlau und Oderberg eine Serie von 105 Motorgüterschiffen der Großplauer Maßklasse bauen, deren letzte 1963 ausgeliefert wurden.

Parallel begann in den Jahren 1962/63

die Entwicklung der Schubschifffahrt mit dem ersten Prototypen eines Schubschiffes auf der Genthiner Schiffswerft (heute SET). Sowohl Schubschiff und Leichter wurden speziell auf die Wasserstraßenbedingungen des DDR-Gebietes mit dem geringsten Schleusenmaß des Großplauer-

Maßes zugeschnitten. Die Schubschiffe erhielten Z-Antriebe mit einer Leistung von 190 PS. In dieser Zeit wurden zudem leichtgängige Stromschubschiffe entwickelt, je nach Einsatzgebieten mit entsprechender Motorisierung und Seegängigkeit.

Nach der Wende 1989/1990 begann auch für die DBR unter der Treuhandverwaltung eine schwere Zeit. Schiffe mussten verkauft werden, um das Unternehmen am Leben zu erhalten. Motorschiffe und Schubschiffe wurden oft mit dem Verkauf an die eigenen Schiffsführer privatisiert. Die Mitarbeiterzahl schrumpfte von 2.800 auf 440.

Im Dezember 1992 gründeten 22 Binnenschifffahrts-, Verkehrs- und Werftunternehmer die »Mittelständische Binnenschiffahrts- und Speditions-GmbH« mit Sitz in Bremen. Ziel war es, den Betrieb der DBR zu übernehmen. Am 1. Februar 1993 verkaufte die Treuhand das Unternehmen an die 22 Mittelständler. Es blieb bei dem alten Namen »DBR« mit der Erweiterung »Binnenschifffahrt Spedition Logistik GmbH«. Übernommen wurden seinerzeit 1.042 Schiffe mit insgesamt 450.000 t Kapazität, 440 Mitarbeiter und 130 Lehrlinge.

Im Jahr 2001 wurde das Unternehmen neu organisiert und in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Seit 2007 hält die polnische Odratrans Group Breslau (seit 2012 OT Logistics) mit ihren Töchtern in Stettin und Bromberg die Mehrheit an der DBR (81,08 % der Aktien). Unter dem Vorstand von Piotr Smierzchala firmiert sie weiter unter dem traditionellen Namen, bezieht aber auch polnische Partikuliere und Schubschiffe in ihre speditionellen Transportaufgaben ein.


Christian Knoll

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