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Personenschiffe werden nicht immer nur für touristische Zwecke wie beispielsweise Rundfahrten genutzt. Demnächst bekommen Senioren eine Unterkunft auf dem Wasser, ein weiteres Schiff dient Journalisten künftig als Arbeitsplatz

Die Varianz in der Personenschifffahrt ist vermutlich größer als in der Frachtschifffahrt. Das war bei den im vergangenen Jahr neu in Fahrt gekommenen Schiffen ebenso festzustellen wie bei denen, die aktuell im Bau oder in Planung sind. Allen Schiffen ist aber inzwischen gemein, dass sie auf umweltfreundliche Technik setzen, gern auf Elektroantriebe in verschiedensten Ausprägungen. Einige Projekte werden im Folgenden vorgestellt:

Mit einem komplett neuen Angebot kommt die TED-Cruises aus Hillesheim an den Markt. Eine schwimmende Seniorenresidenz will Thady Alexander Thömmes auf die europäischen Gewässer bringen. Unter dem Namen »FT (Flusstraum) Calea« soll das umgebaute Flusskreuzfahrtschiff mit Heimathafen im Raum Köln-Bonn im Spätsommer oder Herbst dieses Jahres starten. Rund 150 Tage pro Jahr liegt es im Heimathafen an der Kaje. Nicht am Stück, aber immer einige Tage. In der restlichen Zeit ist die »FT Calea« auf den Flüssen Europas unterwegs, vor allem auf Rhein, Mosel, Maas, aber auch auf Kanalstrecken. Die Touren werden in Zusammenarbeit mit den 70 bis 100 Bewohnern festgelegt. Auch bei der Gestaltung der in unterschiedlichen Größen angebotenen Kabinen dürften die Bewohner mitwirken.

Die »FT Calea« ist ein Wohnschiff, auf dem ‹betreutes Wohnen plus› angeboten wird. Neben Vollverpflegung, Service und Unterhaltung seien auch ständig Pflegekräfte an Bord. Intensivpflege wird allerdings nicht geboten. Aber: regelmäßig sollen Ärzte auf das Schiff kommen. Und entlang der Fahrrouten gebe es Kontakt zu Kliniken und Mediziner.

Mit Einmalzahlungen, die je nach Kabinengröße zwischen 29.000 und 120.000€ liegen, erwerben die Bewohner ein unbegrenztes Nutzungsrecht an ihren Kabinen. Hinzu kommen monatliche Kosten, die zwischen 3.500€ und 9.360€ pro Person liegen. Damit sind alle Schiffsbetriebskosten, die komplette Verpflegung sowie die Betreuung und Unterhaltung der Gäste abgedeckt. »Wir wissen, das kann sich mit Sicherheit nicht jeder leisten«, sagt der Firmengründer. Leistungen der Pflegeversicherung gibt es nicht.

Das 105m lange Schiff, das derzeit in Grave (NL) umgebaut wird, hat vier Decks. Neben den Kabinen der Bewohner sind Gemeinschaftsräume sowie Kabinen für die 40 Mitarbeiter vorhanden. Ein Restaurant, drei Bars, ein Sauna- und Wellnessbereich sowie Hobbyküchen und ein Fitnessraum bieten Platz für Abwechslungen im Tagesablauf. Die zwei je 476 kW starken Volvo-Hauptmaschinen werden während der Liegezeiten abgestellt und der Landstrom-Anschluß aktiviert. »Im Dezember 2019 wurde das Schiff einer gründlichen technischen Inspektion durch die SUK unterzogen und bekam alle technischen und sicherheitstechnischen Bereiche zertifiziert«, heißt es. Dem Vernehmen nach handelt es sich bei der »FT Calea« um die ehemalige »Bellriva«. Das 1970 für 12Mio DM gebaute Kabinenschiff hat eine bewegte Geschichte.

Erstes Schiff für Journalisten

Auf der Lux-Werft in Niederkassel-Mondorf entsteht mit der »PioneerOne« das erste Journalistenschiff Deutschlands. Ab dem kommenden Frühjahr soll es auf Berliner Gewässern, vor allem der Spree, kreuzen und dabei als schwimmende Redaktion dienen.

Gabor Steingart, Medienunternehmer, will mit diesem Projekt zudem Liveübertragungen anbieten und Wirtschaftsführer und Politiker interviewen, fahrend oder am Anleger. Das 40m lange Medienschiff wird elektrisch angetrieben und soll lautlos unterwegs sein. Wenn die 70t Stahl und mehr als 5km Kabel verbaut sind und das Schiff via Düsseldorf, Münster, Wolfsburg und Potsdam in Berlin eingetroffen ist, sind zwischen 3 und 5Mio.€ investiert.

Im Inneren sind unter anderem ein 82m2 großer Newsroom, ein Tonstudio und ein separates VIP-Zimmer für Gäste, eine Küche und eine Bar untergebracht. Das Hauptdeck dient tagsüber als Arbeitsplatz für rund 30 Journalisten und soll abends oder am Wochenende als Veranstaltungslocation genutzt werden.

Die Außenwand des Schiffes soll mit Lichteffekten politische Botschaften senden können: Trauer, Gedenken »oder einfach nur bunte Fröhlichkeit«. Auf einem überdimensionalen LED-Laufband können die Passanten vom Ufer aus die Nachrichten des Tages verfolgen. Um jederzeit, auch unter Brücken, online zu sein, kümmern sich gleich drei Internetprovider um die Anbindungen ans Netz.

Rainer Miebach von der Lux-Werft ist begeistert: »Wir haben schon 222 Schiffe gebaut. Passagierschiffe, Raddampfer und Autofähren, aber eine schwimmende Redaktion noch nie«, sagt er. Die »Pioneer One« sei ein besonders reizvolles Projekt.

»Viele Ideen, wenig Raum«, fasst Lars Hildebrandt, der für die Werft die Innenausstattung koordiniert, seine Aufgabe zusammen. »Die Raumaufteilung ist wie ein großes Puzzle, am Ende muss es passen.« Ein Beispiel: Die Batterie für den 170kW starken Elektroantrieb, der das Schiff in der Innenstadt CO2-frei fahren lässt, und der Reserve-Motor werden nicht wie sonst üblich im Heck eingelassen, sondern unter dem Bug installiert.

Demnächst wird auch das Eventschiff »RheinGalaxie« der Köln-Düsseldorfer Deutsche Rheinschiffahrt (KD) aus Köln seien Dienst aufnehmen, über das wir. in der April-Ausgabe berichten.


Hermann Garrelmann

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