Nischenpoller halten Nutzung nicht mehr stand

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Altersbedingte Schwierigkeiten mit Schleusen an deutschen Binnenwasserstraßen treten immer häufiger auf. Am Weser-Datteln-Kanal (WDK) gibt es nun massive Probleme mit den Nischenpollern

Von der Standortgunst an der Einmündung zum Rhein profitiert nicht nur Duisburg mit dem größten Binnenhafen der Welt. Auch in Wesel hat sich eine florierende Hafenwirtschaft etabliert. Über den Chemiepark Marl und den Hafen Dortmund bis hin zum Standort Hamm erstrecken sich entlang der Kanäle weitere wasserorientierte Industriestandorte.

Duisburg, als das Herz der Binnenschifffahrt, hat nach der industriellen Wende im Ruhrgebiet die Entwicklung zum Logistikstandort par Excellence vollzogen. Dienstleister, die nicht nur lagern und umschlagen sondern auch für Wertschöpfung sorgen, bündeln sich an der Einmündung des Rhein-Herne Kanals.

Doch die Standorte hinter den Schleusen in Friedrichsfeld und Duisburg geben auch immer wieder Anlass zur Sorge. Noch vor knapp einem Jahr gab Volker Schlüter, kommissarischer Leiter des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts (WSA) Duisburg-Meiderich, verantwortlich für die Kanäle und ihre Bauwerke im Ruhrgebiet, gegenüber der Presse ein Eingeständnis: »Wir haben eine relativ schlechte Bausubstanz. Mehr als die Hälfte unserer Schleusen sind marode«, so Schlüter zur WAZ. Das gilt unverändert: Sowohl die Ruhr als auch der Rhein-Herne-Kanal und der Wesel-Datteln-Kanal schieben einen gewaltigen Sanierungsstau vor sich her.

Die damals von Schlüter vorgelegte Liste macht deutlich: von den 25 Schleusen in seinem Arbeitsbereich seien nur sechs »in Ordnung«, drei seien gerade »Baustelle« und für 14 sei eine »Grundinstandsetzung erforderlich«. Das Schiffshebewerk Henrichenburg und die Nordkammer der Schleuse Wanne-Eickel sind wegen Baufälligkeit vorübergehend außer Betrieb. Hinzu kommt, dass von den 110 Brücken, die allein den Rhein-Herne-Kanal überspannen und sowohl dem WSA als auch den Kommunen, der Deutschen Bahn und dem Land NRW gehören, in den kommenden 20 Jahren 35 Brücken erneuert werden müssen.

Ein weiteres altes und zugleich neues Problem tut sich derzeit am Wesel-Datteln-Kanal auf und erregt die Gemüter der Schiffer. Kurz vor Weihnachten verkündete das WSA Duisburg-Meiderich, dass die Nischenpoller in den WDK-Schleusen Friedrichsfeld, Hünxe, Dorsten, Flaesheim, Ahsen und Datteln für Schiffe über 50m Länge nicht mehr benutzt werden dürften. Damit der Betrieb überhaupt weiter gehen kann, müssen ab sofort Schiffe einzeln geschleust werden. Ergänzend werden weitere Maßgaben erlassen, mit denen bis auf Weiteres unter Abweichung von sonstigen Regelungen geschleust wird. So wird auch der ausnahmsweise Einsatz des Maschinenantriebs und des Bugstrahlers erlaubt.

»Missbrauch« der Nischenpoller

Der Grund für diese Anordnung ist so simpel wie fatal: Die Nischenpoller seien in der Vergangenheit immer wieder überlastet worden, vor allem durch Schiffe, die die Poller zum Aufstoppen gebraucht hätten. Das sei bereits 2010 verboten worden, vor allem aber große Schiffe hätten sich daran nicht gehalten. Das hätten die aus den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts stammenden Anlagen nicht verkraftet. Die seinerzeitige Zugkraft sei auf 100 kN ausgelegt, gemäß der heute geltenden Klassifizierung als Wasserstraße der Klasse Vb müsste die Zugkraft eigentlich 200 kN gewähren. Eine entsprechende Nachrüstung in den Schleusen blieb aber aus.

Die niederländische Branchenorganisation BLN hat inzwischen gefordert, die alten Nischenpoller gänzlich zu entfernen und zu ersetzen. So einfach dürfte das nicht sein. Zwar bestätigt das WSA Duisburg-Meiderich, den Ersatz der Nischenpoller bereits in seine Programmplanung aufgenommen zu haben, eine zeitliche Perspektive kann man aber in Duisburg nicht nennen.

Seitens der BLN will man schneller konkret werden und bietet an, ein befreundetes Ingenieurbüro nach innovativen Lösungen zu befragen. Die dafür entstehenden Kosten will die internationale Abteilung von BLN-Schuttevaer sogar selbst übernehmen. Dafür sei ein Budget verfügbar, wird berichtet. Erik Schultz, Vorsitzender der Internationalen Abteilung von BLN-Schuttevaer, begründet die angebotene Hilfe: »Wir können die Schleusen nicht effizient nutzen und die Pumpenleistung wurde reduziert. Die WSV hat zu wenig Ingenieurkapazität, um eine Lösung zu erarbeiten.«

In Schifferkreisen werden derweil verschiedene Maßnahmen diskutiert. Das Festmachen an den oben liegenden Pollern beispielsweise, das aber erfordert entweder extra Personal an der Schleuse oder die Notwendigkeit für das Schiffspersonal, die glitschigen Leitern in den Schleusen zu erklimmen, um die Trossen dort entgegenzunehmen. Ein gefährliches Unterfangen allemal. Ähnliche Probleme mit Nischenpollern waren bereits vor einem Jahr an der Ruhrschleuse Duisburg und an der Schleuse Raffelberg berichtet worden.

Keine Hilfe zum Festmachen, vielleicht aber zur besseren Kommunikation und zur Überbrückung von Wartezeiten kann da der Plan sein, über den der Verein für europäische Binnenschifffahrt und Wasserstraßen (VBW) jüngst berichtete: Die Wasserstraßenverwaltung wolle Ende 2017/Anfang 2018 mit der Ausrüstung der Schleusen und Vorhäfen am WDK mit WLAN-Hotspots beginnen.


Hermann Garrelmann

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