Wird der Osten abgehängt?

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Die Binnenschifffahrt gilt als einer der umweltfreundlichsten Verkehrsträger, doch fahren noch viele ältere Einheiten auf den Flüssen. Dies und die Beutung der östlichen Landesteile wurden auf dem 22. Internationalen Oder/Havel-Colloquium in Potsdam diskutiert

Wolfram Obermann von Wagner und Herbst Consulting forderte eine Modernisierung der Binnenschiffsflotte. Dies scheitere derzeit an den finanziellen Mitteln der Partikuliere und Reedereien und an fehlenden Anreizprogrammen der Bundesregierung, kritisierte er. Der Anteil der Binnenschifffahrt an den Gesamttransportleistungen weise eine sinkende Tendenz auf.

Przemyslaw Zukowski vom Maritimen Ministerium in Warschau erläuterte die Vorhaben der polnischen Regierung über die Ertüchtigung und Ausbau der Wasserstraßen in Polen. Diese habe sehr hohe Ziele und sei sehr entschlossen, anders als ihre Vorgängerregierungen, diese konsequent zu verfolgen. In Polen habe man begriffen, dass, nachdem 40 Jahre nichts passiert sei, man nun ohne den Ausbau der Wasserstraßen den zu erwartenden Verkehr nicht mehr bewältigen werden werde. Es solle daher mit dem Ausbau der Oder für die Wasserstraßenklasse IV begonnen werden. Die EU habe sehr große Förderzusagen gemacht, so Zukowski.

Ron Gerlach als Vertreter der Stena Line Rostock, stellte vor, wie sein Unternehmen die Modernisierung der Flotte auf umweltverträgliche Antriebe verfolge. Schließlich habe man nun auch im Ostseeraum verstanden, dass auch die Tourismus- und Fährschifffahrt die Pflicht habe, die Klimaschutzziele mit zu tragen.

Gerd Holbach, TU Berlin, informierte über den Stand der Entwicklung des Hybrid-Schubbootes »Elektra«, welches in Zusammenarbeit mit der BEHALA gebaut werden soll (siehe auch BS6/18, Seite 19). Christian Masilge, Leiter der Schiffsbau-Versuchsanstalt Potsdam, sprach über die Entwicklung moderner Schiffsmotoren. Eigentlich sei man nicht so weit, wie es die Gesetze ab 2020 verlangen. Man wolle zwar viel für den Umweltschutz tun, aber die technischen Voraussetzungen hinkten weit hinterher.

LUTRA-Geschäftsführer Michael Fiedler erläuterte am Beispiel des Hafens Königs Wusterhausen welche Auswirkungen Umweltanforderungen an seinen Hafen stellen. Es würden Kosten veranschlagt, die in der Realisierung nicht einzuhalten seien, weil die Parameter nach oben verändert würden. Kostensteigerungen bis zum 10-fachen wären in Königs Wusterhausen die Realität. Dies betreffe besonders die Ausgaben für Ausgleichsmaßnahmen, welche die Häfen allein nicht tragen könnten.

Wirtschaftlichkeit ist entscheidend

In einer Podiumsdiskussion wurde die Frage diskutiert, welchen Stellenwert die Binnenschifffahrt für die verladende Wirtschaft hat und zukünftig haben wird. Felix Lösch von der Firma Leipa aus Schwedt und Detlef Wruck, der Berliner Vertreter der Hamburger Logistik-Firma Zippel, betonten, dass die Branche zum Portfolio der verladenden Wirtschaft und der Spediteure gehört. Das entscheidende Kriterium sei letztendlich die Wirtschaftlichkeit. Beide wiesen darauf hin, dass ein wirtschaftlicher Betrieb der Binnenschifffahrt nur dann gegeben sei, wenn die infrastrukturellen Voraussetzungen zur Verfügung stünden. Dies sei bisher für das ostdeutsche Fahrtgebiet immer noch nicht gegeben. Denn gerade im Oder-Havel-Bereich rund um Berlin und in Brandenburg bestehe dringender Bedarf, die Infrastruktur der Wasserstraßen anzupassen.

Gerhard Ostwald, Vorsitzender des Oder/Havel-Vereins (OHV), befand, dass das 22. Oder/Havel-Colloquium eine gute, mit vielen vorteilhaftigen inhaltlichen Aussagen und Vorträgen gestaltete Veranstaltung gewesen sei. Leider waren zu wenige Akteure der exekutiven Verkehrspolitik anwesend, was auch sein Stellvertreter Horst Linde kritisierte.

Die Inhalte der Veranstaltung sind auf der Internetseite des Vereins abrufbar.
Christian Knoll

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