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Wenn die Potsdamer Weiße Flotte ein neues Schiff in Dienst stellt, wählt sie dafür gewöhnlich das jährliche Stadtfest im Frühjahr. So auch in diesem April

In der Mitte von zwei Schiffen, dem ältesten »Gustav« und dem 2009 in Dienst gestellten barocken Salonschiff »Sanssouci« lag der in Weiß, Grün und Blau gestrichene Neuzugang an der langen Brücke, dem Standort der Weißen Flotte Potsdam (WFP). Hunterde Besucher des Stadtfestes waren gekommen. Die WFP-Geschäftsführer Jan Lehmann und Jörg Winkler begrüßten den Potsdamer Oberbürgermeister Mike Schubert und die Bürgermeisterin der Gemeinde Schwielowsee, Kerstin Hoppe, sowie den langjährigen Kapitän der Weißen Flotte Potsdam, Heinz Ahlgrimm. Mittlerweile im Ruhestand wurde ihm die Ehre zuteil, den Neubau auf den Namen »Schwielowsee« zu taufen.

Lehmann erklärte die Entscheidung für einen Neubau damit, dass man vor zwei Jahren erkannte, dass die bisherige »Paretz« nicht mehr den Erfordernissen für ein Fahrgastschiff der brandenburgischen Landeshauptstadt entspreche. Es wurde daher für die Bedürfnisse der Prager Fahrgastschifffahrt hergerichtet, die das Schiff erwerben wollte, wie auch bereits einige andere Schiffe aus Potsdam.

Neuausrichtung bei Antrieben

Die Schiffe der Flotte sollten ökologischer hergerichtet werden. Dazu Lehmann: »Ab diesem Frühjahr haben wir unsere gesamte Flotte umgerüstet auf einen neuen Dieselkraftstoff, der wesentlich schadstoffärmer verbrennt.« Dieser synthetischer Kraftstoff GTL wird aus Erdgas hergestellt und ab sofort auf allen unseren Fahrzeugen eingesetzt. Die Umrüstung ist nicht allzu problematisch, hilft aber sofort, Feinstaub und Stickoxide entscheidend zu minimieren (siehe Bericht S.38-39).

Für alle künftigen Neubauten käme allerdings nur noch der elektrische Antrieb in Frage. Deshalb habe man sich an die Stammwerft der WFP, die Schiffswerft Bolle in Neuderben, gewandt, ein Hybridschiff bauen zu lassen, dass dem neuesten Stand des Elektroschiffbaus entspreche. Deren Geschäftsführer Mario Bolle und Frank Ringwelski waren schnell überzeugt, neue Wege im modernen Schiffbau zu gehen.

Der Batterieblock der »Schwielowsee« wird über Landstrom mit Ökostrom aufgeladen. Als Partner konnte die Energie & Wasser Potsdam GmbH gewonnen werden. »Eine regionale Zusammenarbeit die sich auszahlen wird«, hob Lehmann hervor. Im Potsdamer Stadtgebiet werde die »Schwielowsee« also komplett mit Batteriestrom unterwegs sein. Für längere Fahrten kann ein mit GTL betriebener Generator den Strom für die Akkus liefern. Dadurch würden gegenüber einem von Dieselmotoren getriebenen Schiff rund 15.000 l Diesel gespart werden.

Winkler dankte »in erster Linie der Schiffswerft Bolle, die es wieder einmal geschafft hat, pünktlich und zuverlässig und in höchster Qualität ein neues Schiff nach Potsdam auszuliefern.« Das schnittige Design verdanke die »Schwielowsee« ihrem Konstrukteur Marcel Bolle, den innovativen Antrieb dem gesamten Team der Werft, denn es sei auch in Deutschland noch keineswegs so, dass man ein Schiff mit Elektro- und Batterieantrieb »mal ebenso bestellt, und dann geliefert bekommt.«

So galt es, zahlreiche Grundsatzfragen zu thematisieren, Mitstreiter zu gewinnen, Kompetenzen zu klären, auch Niederlagen hinzunehmen und neuen Schwung zu holen. Und so entstand in einem sehr kreativen Prozess und in Zusammenarbeit mit dem Antriebsspezialisten Henkelhausen aus Krefeld und der Kadlec und Brödlin – Schiffselektrik aus Duisburg dieser zeitgemäße Schiffsneubau – ausgerüstet mit einem 136-kW-Silicium-Polymer-Akkupack der niederländischen Firma EST-Floattech.

Winkler dankte ebenfalls den Elektrikern der IEA Industrieelektronik und -automation Genthin, »die auch dieses Schiff mit kilometerlangen Elektrokabeln und WLAN-Verbindungen ausgerüstet haben.« Für die Laien sei dieser Kabelsalat in der Bauphase immer wieder beindruckend. Umso größer sei das Erstaunen, wenn Tischler, Glaser, Fußbodenleger, Maler und Küchenbauer die Baustelle dann in ein Fahrgastschiff verwandelten und das einstige Kabelgewirr stumm und folgsam das Schiff zum Leben erweckt.

»Unser besonderer Dank geht an Frank Ringwelski. Mit seiner immer auf die Aufgabe fokussierten Art ist er der Motor ‚vons Janze‘ und Garant für termingerechte Qualitätsarbeit, knappe und zielführende Telefonate und reichlich Kaffee während der Baubesprechungen. Und als letztes möchten wir uns bei Mario Bolle bedanken, der nun gemeinsam mit seinem Bruder Marcel die Schiffswerft Bolle in eine neue Zeit führen wird, in der Schiffe auch ganz selbstverständlich nicht mehr nur mit Dieselmotoren gebaut werden«, so der Reedereimanager.

Aufträge sichern Arbeitsplätze

Werftgeschäftsführer Mario Bolle nahm das Lob gerne an. Die Weiße Flotte Potsdam sei seit fast 20 Jahren einer der wichtigsten Auftraggeber, der immer wieder sehr hohe Anforderungen an die Leistung der Werft gestellt habe. Begonnen habe die Zusammenarbeit mit der Restauration des 1908 bei Gebr. Wiemann in Brandenburg gebauten Dampfers »Gustav« von Jan Lehmann und Jörg Winkler, damals noch nicht Geschäftsführer der WFP. Als sie es dann waren, erhielt die Werft die Aufträge zur Restauration der Motorfahrgastschiffe »Königswald« und »Fredericus Rex« sowie die Aufträge zum Neubau der modernen Fahrgastschiffe »Belvedere«, »Sanssouci«, »Wassertaxi 2« und »Wassertaxi 3«.

Mit ihren Projekten sichere die WFP der Schiffswerft Bolle als bedeutendem Arbeitgeber im Jerichower Land viele Arbeitsplätze. »Wir sind gern weiter für die Weiße Flotte Potsdam tätig«, bekräftigte Bolle.

Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert würdigte ebenfalls die Initiativen der Weißen Flotte zur Ökologisierung ihrer Schiffe. Seitdem Lehmann und Winkler im Jahr 2000 WFP übernommen hätten, sei viel investiert worden. Die Einheiten seien modernisiert oder alte Schiffe durch neue ersetzt worden. Diese Reederei mache der Stadt alle Ehre. Bürgermeisterin Kerstin Hoppe zeigte sich erfreut, dass das neue Schiff auf den Namen ihres Ortes getauft wurde und wenn es auch am Anleger ihres Ortes festmachen würde.

Heinz Ahlgrimm, der mit 19 Jahren bereits als Schiffsführer für die WFP im Einsatz war und über 40 Jahre das ehemalige Fahrgastschiff »Strandbad Ferch« – die heutige, »Königswald« – und anschließend zehn Jahre die alte »Sanssouci« fuhr, durfte als Dank für seine Lebensleistung den Neubau taufen. Er hatte in den 1980er-Jahren den Ehrentitel Kapitän zugesprochen bekommen.

Die Feierlichkeit der Taufe untermalte der Berliner Shanty-Chor mit einem Konzert. Danach führte die »Schwielowsee« die 61. Potsdamer Flottenparade an.

Lange und bewegte WFP-Historie

Vorläufer der heutigen WFP war die am 8. August 1888 gegründete »Spree-Havel-Dampfschiffahrt-Gesellschaft-Stern«. Es folgten mehrere Umbennungen, bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges war man Bestandteil der heutigen Stern und Kreis Schiffahrt war. Durch die Entwicklung nach dem Krieg und im Ergebnis der Deutschen Teilung gab es mehrere Nachfolgeunternehmen. Ein schwarzer fünfeckiger Stern als Schornsteinmarke war lange Zeit die Erkennungsmarke.

Der VEB (K) Verkehrsbetrieb Potsdam hatte auf Weisung des Verkehrsministeriums der DDR die in Potsdam stationierten Schiffe am 1. Januar 1959 als eigenständigen Betrieb zu übernehmen verfügt. Dieser Tag gilt damit als offizielles Gründungsdatum des Unternehmens »Weiße Flotte Potsdam«. Neben dem damals überkommenen Schiffspark wurde die Flotte in den 1960er, 70er und 80er-Jahren durch Neubauten der Typ-3-Schiffe der Yachtwerft Berlin und mit den Salonschiffen der Dichterklasse, »Sanssouci« und »Cäcilienhof« erweitert, die 1962 bis 1963 in einer Achter-Serie für die Weißen Flotten von Berlin, Potsdam und Brandenburg von der VEB Etkar-André-Werft in Madgeburg-Rothensee gebaut wurden. Diese Einheiten waren mit 53 x 8m als luxuriöse Salonschiffe für 750 Fahrgäste vorgesehen.

Die Ulbricht-Regierung der DDR, als Preußenhasser bekannt, wollte der Weißen Flotte Potsdam diesen Schiffen den Namen von ehemals preußischen Schlössern verweigern. Aber die Potsdamer beharrten auf ihrer Position, dass Potsdam als ehemalige Hauptstadt Preußens, mit einem hohen Anteil an ausländischen, devisenbringenden Besuchern, mehr Zugkraft hätte als Namen von Dichtern, die international weitgehend nicht so bekannt seien wie die Schlösser.Die Potsdamer setzten sich durch, Devisen waren wichtiger als Dichternamen.

Nach der Wende und dem Anschluss an die Bundesrepublik gab es mit einer Brandenburg-Preußischen Schifffahrtsgesellschaft einen Privatisierungsversuch, der jedoch nach einigen Jahren mit einer Insolvenz endete.

Im Jahr 2000 wurde die Weiße Flotte von der Stadtverwaltung in einem nicht sehr guten Zustand zum Verkauf ausgeschrieben. Es gab mehrere Bewerber, de, Vernehmen nach unter anderem Finanzkonsortien aus Hamburg und München. Den Zuschlag erhielten schließlich die damals als Jungunternehmer bezeichneten Jan Lehmann und Jörg Winkler, da sie aus der Region stammen. In ihrem Besitz befanden sich bereits das Salonschiff »Fridericus Rex« und das Dampfschiff »Gustav« als private Gesellschaft.

Früher waren beide als junge Schiffsführer bei der Deutschen Binnenreederei auf Schubschiffen gefahren und besaßen ein gutes Renommee. Beide machten in kurzer Zeit aus der WFP ein florierendes Unternehmen, das im Land Brandenburg und in Berlin einen sehr guten Ruf besitzt und heute auch unter Schifffahrt in Potsdam firmiert.

Nachdem die Schiffswerft Bolle den Dampfer »Gustav« als erstes Schiff für sie in hoher Qualität restauriert hatte, modernisierten sie ihre Flotte grundlegend. Die Schiffswerft Bolle ist seither auch ihr Hauptauftragnehmer.


Christian Knoll

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